Linksakademismus aus der Schublade

28 Nov

 „Veröffentlichung ist lächerlich, verfehlter Zweck!“

(Thomas Bernhard)

Hausarbeiten“, heißt es in der Stu­dien- und Prüfungsordnung für den B.A. Philosophie, „sind schriftliche Darstellungen zu begrenzten The­men, die von den Studierenden ei­genständig ausgewählt und (in Ab­sprache mit einer Lehrperson und unter Anwendung wissenschaftlicher Arbeitstechniken) bearbeitet wer­den.“ Wie bei jeder anderen Prü­fungsleistung gelten dabei bestimmte inhaltliche und formale Bewer­tungskriterien. Ein „Merkblatt zum wissenschaftlichen Arbeiten“ aus der Europäischen Ethnologie und Kultur-wissenschaft gibt Auskunft: „Für manche mag das […] eine ent­täuschende Erkenntnis sein, aber im Rahmen einer Hausarbeit können keine weiter reichenden, wirklich ei­genständigen Forschungen durchge­führt werden. Es geht vor allem um das Erlernen der Techniken wissen­schaftlichen Arbeitens, insbesondere des Argumentierens, der Erarbeitung des Forschungsstandes, die korrekte, nachvollziehbare Referierung von Literatur und die Fähigkeit, umfang­reiche Inhalte auf das für die eigene Themenstellung Relevante zu redu­zieren“.

Bestimmungen dieser Art finden sich so oder ähnlich für jedes geistes- oder gesellschaftswissenschaftliche Hochschulseminar. Sie weisen präzise darauf hin, was Hausarbeiten ihrem Wesen nach sind: Etüden­stücke, bei denen es allein darum geht, die Formprinzipien einzupau­ken, vor denen sich jeder Titelaspi­rant der ‚Wissenschaftlichkeit‘ aus­zuweisen hat. Das Ergebnis ist nicht nur eine auffällige strukturelle und sprachliche Uniformität der jedes Semester so hunderttausendfach produzierten Texte, mehr: Vor kor­rekter Zitation, argumentativem Schematismus und dem elaborierten Gebrauch akademischer Phraseologie wird das, was eigentlich Gegenstand der Arbeit sein sollte, zum bloßen Exempel und zur zufälligen Größe. Dem Fetisch der Form entspricht eine Fetischisierung des Inhalts: Weil es im Grunde genommenvoll-kommen egal ist, was da steht, solange es den wissenschaftlichen Formgesetzen genügt, scheut nicht einmal der gewagteste Seminarist davor zurück, zu tausendsten Mal zu referieren, was Michel Foucault unter „Diskurs“, Gayatri Spivak unter „Othering“ oder Wolfgang Benz unter „Antisemitismus“ versteht. Diese Zirkularität ist kein Neben-produkt sondern die Aufwärmübung fürs wissenschaftliche Kerngschäft: In der mechanischen Repetition des Immergleichen reihen sich die Hausarbeiten problemlos in den gewaltigen Schreibbetrieb ein, in dem sich der akademische Apparat mittels Zeitschriftenartikel, Lexi­konbeiträgen und Sammelbänden unablässig selbst verdaut. Diese zähe Betriebsamkeit rückt zwar bisweilen die universitären Posten-, Mitarbeiter- und Hilfskrafthierarchi­en hin und her, entfaltet aber darüber hinaus keine gesellschaftliche Rele­vanz. Die Tonnen von Textschrott, mit denen Studenten und Jungakade­miker im Akkord den Stillstand des Geistes perpetuieren, kann und will kein Mensch freiwillig lesen. Folge­richtig landen sie in der Schublade.

Der objektiv vollendete Verblödungszusammenhang

Genau hier, an den Schubladen der Nachwuchsakademiker, setzt die Linke Fachschaft 03 an, hofft unge­ahnte Flieh- und Hebelgesetze zu entfalten und lädt ganz schaurig-fei­erlich zum zweitem Mal zu einem „Texte aus der Schublade Kongress“ ein. Sie frohlockt mit linksakademi­scher Reputation und möchte doch nur in wohlwollender Bescheidenheit „Gelegenheit“ bieten, um „kritische Seminararbeiten zu präsentieren und mit anderen Interessierten zu dis-kutieren.“ Nun ist gegen Kritik und Diskussion überhaupt nichts ein-zuwenden, denn es handelt sich um leider viel zu oft vernachlässigte Disziplinen, die in ihrem Wert gefal­len sind. Aber: Verstünden die Fach­schaftler, Referenten und vermutlich die meisten Interessierten allerdings etwas davon und verwechselten sie es nicht beharrlich mit akademischen Karrierismus, Wohlfühlen und „Awarness“, so wäre schon viel gewonnen.

Einst schrieben kluge Köpfe – wohl­gemerkt – Essays, Aphorismen und andere fragmentarische Formen, um der in sich objektiv widersprüch-lichen totalitären Gesellschaft Rechnung zu tragen. So konnte formangemessen der Gegenstand reflektiert und kritisiert werden, denn systematisch – wie noch bei Kant oder Hegel – konnte die Philosophie im Angesicht der Verzweiflung nach Auschwitz nicht mehr betrieben werden. Die Sprache dieser Reflexionsformen sollte nicht zu einem bloßen Mittel der Kommunikation degradiert werden, sondern sie sollte durch präzisen Ausdruck die Sache klar benennen. Inhalt und Form waren gleichrangig, Begriff und Sache durch Ausdruck vermittelt und man war nicht darauf aus, sie idealistisch zu trennen. Formvergessenheit ist nämlich, das wusste die Kritische Theorie ebenso wie Karl Kraus, Ausdruck der „positivistischen Denkmanier“, unter deren Bann die Geistes-wissenschaften durch die sture Reproduktion des Bestehenden gerieten. Es genügt also nicht das freigeistige Bestehen darauf, dass sich mittels Sprache etwas ändern werde – das war seit eh und je das Geschäft der Idealisten. Es ging auch nie darum, durch sprachliche Korrektheit und „schulmeisterliche Pedanterie“ (Adorno) zu beweisen, dass grammatikalische und ortho­grafische Regeln eingehalten werden. Der Kritischen Theorie ging es schon immer um mehr als diesen Formalismus, immer schon um mehr als bloß nur Inhalt, obgleich gegen „amateurhaftes Drauflosdenken und -schreiben“ , „versiertes Ge-schwätz“, „Prahlerei mit Bildung“, „Wortfetischismus“, und „Stehen-bleiben bei bloßen Teilerkennt-nissen“ polemisiert wurde. Dabei beabsichtigte das Schreiben nicht, durch „Edelsubstantive“ (Adorno) zu beweisen, dass ein Jargon politisch und akademisch korrekt angewandt wurde. Das Schreiben begriff sich nicht als akademische Pflichtübung, wenn edle Wörter wie „Othering“, „Konstruktion“, „Diskurs“ und ähnliches über die Produkte gestreut und zu einem Text zusammen-geflochten werden – das Schreiben war stattdessen Ausdruck geistiger Erfahrung. Als solcher war ihr klar: „Wissenschaftliche Approbation wird zum Ersatz der geistigen Reflexion des Tatsächlichen […] Der Panzer verdeckt die Wunde. Das verdinglichte Bewußtsein schaltet Wissenschaft als Apparatur zwischen sich selbst und die lebendige Erfahrung“ (Adorno). Von individueller Erfahrung und dem Leiden an der Gesellschaft können darum die Linksakademiker der Linken Fachschaft nicht sprechen. Sie können es nicht, da sie Kinder der streng positivistischen Wissen-schaftlichkeit sind und bestätigen, dass „Verdinglichung […]ein Vergessen“ ist (Adorno/Horkheimer).

Warenform und Denkform

Nun vollzieht sich bekanntlich an den Hochschulen – besonders in den vergangenen Jahren, gleichwohl schon seit mindestens hundert Jah­ren, als Geist und Geld identisch wurden, objektiv Gesellschaftliches. Das beschädigt die Akademiker von heute ungemein auf eine ganz be­sondere Art und die Referenten der Linken Fachschaft sind Sinnbild ins­besondere dieser allseits beobacht­baren narzisstischen Deformation der Akademiker. Für sie ist es nämlich unter den aktuellen Bedingungen des Kapitalverhältnisses nicht leichter geworden. Denn ihre geistige Ar-beitskraft als variables Kapital muss sich den Anforderungen des Marktes stets anpassen. Der Linksakademiker ahnt ganz besonders davon – ihm wird schließlich mehr abverlangt als ganz gewöhnlichen Akademikern. Darum steht er unter besonderem Konkurrenzdruck, die Plätze zum Unterkommen im Universitätsbetrieb sind schließlich rar und die im linksalternativ-ökofaschistisch-gen-dersensiblem Milieu nachgefragten soft-skills müssen hart antrainiert werden. Die stets angepasste Rebellion gegen das kritische Denken, ganz im Geiste der postmo- dernen Austreibung der Vernunft, vollzieht sich ganz avantgardistisch insbesondere im Linksakademismus. Die Zeiten, als noch von Hegel, Marx, Adorno und Freud etwas gehalten wurde, sind längst vorbei – vielleicht sogar zurecht. Wenn überhaupt je in Marburg, in dieser linken Provinz, davon etwas gehalten wurde, so war dies bloß das alternative Seminarprogramm für besonders engagierte Theorieinteres­sierte, die sich in der Seminaratmo­sphäre ihrerstudentischen Lesekreise im Selbststudium Fakten anhäuften und Theoriehäppchen mundgerecht zuführten, um noch dienlicher auf dem akademischen Theoriemarkt sein zu können.

Besonders gewitzte Charaktere die­sen Typs finden sich regelmäßig vor allem im Umfeld der „Linken Fach­schaft“. Hier bleibt man ordinär links, weiterhin stupide semi-akade­misch und pflegt zur Kritik ein in­strumentelles Verhältnis. Schließlich arbeitet man hier ganz studentisch schluderig und ahistorisch selbstsi­cher, also geflissentlich an der Ver­mittlung von Theorie und Praxis und verunstaltet damit die kritische Theorie zur akademisch angewand­ten Wissenschaft. Zur Kritik der geistigen Arbeit ist man hier selbst­verständlich nicht fähig, man betreibt Wissenschaftsfetisch, gleichwohl ganz unbegabt und nur im Mittelmaß. Man bleibt hier ganz unter seines Gleichen und lobt sich gegen­seitig auf ganz abgeschmackte Art als besonders links geläutert und schämt sich nicht einmal für seine Halbbildung. Zur Universität pflegt man darum eine ambivalente Hass­liebe. Einerseits grenzt man sich von ihr ab, nennt den eigenen Standes­dünkel ganz schamlos und größen­wahnsinnig „kritische Wissen-schaft“. Andererseits bewegt man sich aber stets im Dunstkreis der fütternden Hand und buhlt um Stellen als studentische Hilfskraft. Nirgendwo sonst manifestiert sich darum das objektive Zwangsgefüge spätkapitalistischer Gesellschaften und die damit einhergehende objek­tive Verblödung ihrer Insassen in der Universität im Allgemeinem und in der „Linken Fachschaft“ und ihrem Umfeld im Besonderem. Das tritt im Linksakademismus deshalb so deutlich zu Tage, weil ihre Protagonisten besonders bewegt sind und zugleich das Theoretisieren auf Mittelmaß zu ihrer Freizeit-beschäftigung erklärt haben. Hier ist also Kritik bloß eine Namenstafel – völlig inhaltsarm und form-vergessen. Hier wird Kritik bzw. die Kritik der Gesellschaft gerne im Mund geführt, um vermeintliche Kritikfähigkeit und nicht selten klandestine pseudointellektuelle Zugehörigkeit in einem zum Ausdruck zu bringen. Dabei bewegt man sich lediglich nur in den eigenen akademischen Kreisen und ist auf narzisstische Anerkennung aus, denn was sonst treibt in die Öffentlichkeit, gar auf das Podium eines Hausarbeiten-kongresses, wenn nicht der eigene Narzissmus und das Totalvertrauen in die eigene geistige Arbeitskraft. Darum glaubt man noch an die eigene Textproduktion, wie an die Magie der Sprache. Darum ist man von sich so überzeugt und betreibt darum ganz schamlos Selbstdarstellung. Zu allem Überdruss halluziniert man sich auch noch als Avantgarde einer Marburger Linken und gibt den Souffleur des akademischen Prekariats. Das Totalversagen, im Stande der geistigen Unfreiheit die Einheit von Theorie und Praxis aufzugeben und die begriffliche Nähe von Kritik und Krise zu reflektieren, ist hier inhärent. Genau darüber allerdings müsste man in solchen kritik-findlichen Zeiten genau nachdenken. Solang man sich allerdings von der eigenen akademischen Ohnmacht und Dummheit nicht lossagt; solang man sich der freiwilligen Selbstkon-trolle und der Selbstoptimierung, dem Diktat praktischer Verwend-barkeit freiwillig unterwirft; solang der „Habitus geistiger Unfreiheit“ (Adorno) masochistisch abgefeiert und nicht kritisiert wird; solange noch so getan wird, als käme es auf den Einzelnen und auf sein (akademisches) Geschwätz an; solange gilt eine ganz banale Weisheit revolutionärer Kritik: „Es ist schon alles gesagt, nur noch nicht von allen.“ (Karl Valentin)

Marburger Zustände und Einzelpersonen, November 2013

www.marburgerzustaende.wordpress.com

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4 Antworten to “Linksakademismus aus der Schublade”

  1. Karl Kraus November 28, 2013 um 10:36 pm #

    Soll der tendenziöse Ausdruck hier irgendetwas belegen außer himself mit Fetzen vom Jargon des Kritischseins überhaupt? Geld und Geist – humorvoll ist es ja; auch künstlich.

  2. studentin November 29, 2013 um 1:17 am #

    boah wie kann man so überheblich sein. da versteht man gar nix. hauptsache kompliziert schreiben!

    wart ihr überhaupt dort???

  3. Martin November 30, 2013 um 3:42 pm #

    Dieser Text ist das traurige Werk eines sich selbstüberschätzenden, narzistischen Mannes? Klingt ganz danach. Es klingt nur kompliziert. Die vielen leeren Phrasen entpupen sich als Nullnummer. Viel geschrieben nichts gesagt, alles haltlose Spekulationen. Interessant zu welchen Ausfällen ein zu großes Ego in der Lage ist.

Trackbacks/Pingbacks

  1. Linksakademismus aus der Schublade | Jihad Watch Deutschland - Dezember 13, 2013

    […] Weiterlesen bei Marburger Zustaende… […]

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